Die ersten Sonnenstrahlen fielen schon auf die Gassen, die sich vor ihm ausbreiteten, als Flummy mit blutunterlaufenen Augen erwachte. Wieder eine viel zu kurze Nacht, obwohl der Schlaf in einer Zwangshaltung wie dieser keinerlei Erholung brachte. Leicht röchelnd atmete er die kühle Luft des Morgens ein und fragte sich, wie er in diese missliche Lage gekommen war. Von Mailand bis Wien war er der beste und angesehenste Gaukler, den die Welt je gesehen hatte. Kein Taschenspieler, Pantomime oder Möchtegern-Zauberer konnte ihm das Wasser reichen. Kein Hofnarr oder Sänger, kein Spielmann oder Minnesänger hatte schönere Weisen ersungen wie er. Selbst Otto II. Kaiser des heiligen römischen Reiches hatte seinen Charme und seiner Spielmannskunst erlegen. Er hatte ihn in den höchsten Tönen gelobt und seinen Klingelbeutel mehr als reichlich befüllt.

Doch all das war vergangen, vergessen und hinabgespült vom Fluss der Zeit. Hier in den Straßen von Paris hing er, wie er selbst kaum glauben konnte, eingepfercht wie ein räudiger Hund, vor Dreck und Exkremten, die man nach ihm geworfen hatte, triefend, mutterseelenallein am Pranger.

Wie schnell Fortuna sich gegen einen wenden konnte, dachte er bei sich. Nach zwei Wochen in seiner misslichen Lage war er bereit jede Strafe zu akzeptieren, hauptsache sie befreuten ihn von diesem gottverammten Pranger.

Er machte sich gerade daran, mit den Beinen die wenigen Essensreste, die noch genießbar schienen in die Reichweite seiner Hände zu schieben, um zumindest eine ansatzweise „Frühstück“ zu nennende Mahlzeit einnehmen zu können. Doch dann hörte er laute Schreie entfernt in den Gassen der Stadt wiederhallen. Als Gefangener unwissend welche Gefahr Paris an diesem Morgen heimsuchen sollte, wunderte er sich über das panische Treiben und die entsetzten Blicke der vorbeieilenden Bürger.

Als bereits viele Flüchtende an ihm vorbei geeilt waren, lichteten sich die Reihen der Menschen um ihn herum und nur noch vereinzelnt rannten verzweifelte Seelen um ihr Leben. Eines der armen Opfer, das versuchte sich in die Sicherheit zu bringen, stammelte nur noch entsetzt, als ihm bewusst wurde, dass er eine drei Fuß lange Axt in seinem Rücken stecken hatte: „Wikinger“

Toll, dachte sich der verschmähte Gaukler. Der Tag hätte nicht besser anfangen können…

Wikinger in Paris, dieses Glück konnte auch nur ihn ereilen. Aber zumindest würde er dadurch einen schnellen, und hoffentlich schmerzfreien Tod erreichen.

Während er noch vor sich hin sinnierte, bemerkte er nur am Rande, dass eine Gruppe der gefürchteten Feinde in jene Gasse an deren Ende er angeprangert wurde betreten hatten, und mit zügigen Schritten auf ihn zu kamen. Nichtmal eine Manneslänge vor ihm kamen sie zum stehen, aber mit Sicherheit innerhalb des Geruchs, den er nach seiner zweiwöchigen Tortur aussonderte.

Die bärtigen Männer blickten ihn belustigt an. Einer von ihnen ergriff mit gebrochenen Fränkisch das Wort: „Du gefangen? Du böser Mann?“ Flummy schüttelte schnell den Kopf „Ich bin nur ein Gaukler, der die falschen Leute auf den Arm genommen hat“, versuchte er hektisch zu erklären. Ohne ein Wort verstanden zu haben, lachten die Wikinger herzhaft und dreckig. Nur einer sah ihn mit durchdringenden Augen an. Bevor sich Flummy darüber wundern konnte, warum die Nordmänner so herzhaft lachten oder der eine ihn so derart anstarrte, ergriff Harbardson seine Axt und zerschmetterte die schweren Eisenketten die den Gaukler in seinen hölzernen Gefängnis hielten. Bevor er sich bewusst wurde, was gerade geschehen war, hielt der Jarl der Abtrünnigen ihn eine Hand hin. Nachdem er diese ergriffen und sich aufgerappelt hatte, reichte Erik ihm eine Axt.

Gebrochen und falsch betont kam es aus Harbardsons Mund: „Du kommen mit uns!“